Am 15. März 2026 wurde in Frankfurt am Main gewählt. Ich habe gerade fünf Jahre Kommunalpolitik hinter mir. 2021 trat ich mit dem Wahlkampfspruch an: MEIN FEMINISMUS IST INTERSEKTIONAL. Es war nicht nur das Jahr, nachdem die halbe Welt auf ihren mobilen Endgeräten dabei zusehen konnte, wie George Floyd starb, sondern auch das Jahr, in dem wenige Kilometer vor meiner Tür neun Menschen aus rassistischen Motiven in Hanau ermordet wurden. Kurz nach dem Anschlag auf die Synagoge in Halle. Es war ein Jahr, in dem Transfrauen auf der Zeil in Frankfurt verprügelt wurden und in dem sich die Wohnungsnot durch die Lockdowns nochmal anders bemerkbar machte. Aus Trotz, Wut und Verzweiflung, oder besser gesagt aus einer Mischung aus Not und Notwendigkeit, entschied ich mich, für die Frankfurter Stadtverordnetenversammlung zu kandidieren, und wurde prompt gewählt. Das war vor fünf Jahren.
Fünf Jahre Sitzungen, Ausschüsse, Anträge, Events, Empfänge, Interventionen und Debatten. Fünf Jahre, in denen die Welt gefühlt in Flammen steht. Fünf Jahre, in denen ich geglaubt habe, dass politische Entscheidungen zumindest den Anspruch haben, rational, gerecht und zukunftsorientiert zu sein. Kommunalpolitik sind die Entscheidungen vor meiner Haustür, haben sie gesagt. Es geht um den Zebrastreifen, um die Schule, um die Ecke oder den Park, durch den ich nach der Arbeit joggen gehe, habe ich gedacht. Heute bin ich mir da nicht mehr so sicher.
Denn was ich immer wieder erlebt habe, ist Politik, die nicht nach den Bedürfnissen der Menschen gemacht wird, sondern die gemacht wird, um möglichst niemanden zu verärgern. Oder besser gesagt: um möglichst nicht anzuecken. Es geht weniger darum, Gegenwart und Zukunft zu gestalten, und mehr darum, das immer schon Dagewesene zu verwalten. Die Politik, die ich in den letzten fünf Jahren erlebt habe, wird aus Angst gemacht.
Und diese Angst hat einen Namen: German Angst.
German Angst beschreibt eine tief verankerte gesellschaftliche Grundstimmung in Deutschland, die von der Sorge vor Kontrollverlust, Unsicherheit und Veränderung geprägt ist. Sie zeigt sich in einem starken Bedürfnis nach Ordnung, Sicherheit und Vorhersehbarkeit und wird oft durch historische Erfahrungen und ein erhebliches Verantwortungsbewusstsein mitgeprägt. Dabei handelt es sich weniger um eine konkrete Angst vor unmittelbarer Gefahr als vielmehr um eine diffuse, zukunftsgerichtete Verunsicherung. Kritisch wird diese Angst dort, wo sie politische Entscheidungen beeinflusst und zu Abwehr, Abschottung oder dem Festhalten am Status quo führt. Der Begriff „German Angst“ stammt nicht aus der deutschen Wissenschaft oder Politik selbst, sondern wurde vor allem im englischsprachigen Raum geprägt. Er tauchte verstärkt ab den 1970er- und 1980er-Jahren in internationalen Medien auf, insbesondere in Großbritannien und den USA, um eine als typisch deutsch wahrgenommene Vorsicht oder Skepsis gegenüber Risiken zu beschreiben.
Und eigentlich beschreibt der Begriff damit ursprünglich etwas anderes als das, was wir heute darunter verstehen. Er stand einmal für ein gesellschaftliches Korrektiv, für ein Unbehagen, das Menschen auf die Straße gebracht hat, für eine Angst, die politisiert hat und Widerstand erzeugte. Heute dagegen wirkt diese Angst oft entpolitisiert und nach innen gekehrt. Aus dem Impuls, sich gegen gefährliche Entwicklungen zu stellen, ist vielerorts ein starres Festhalten am Bestehenden geworden – selbst dann, wenn genau dieses Bestehende Ungleichheit produziert und notwendige Veränderungen blockiert und uns – wie man an den Wahlergebnissen im März sehen kann – zu einer überall stabil zweistelligen AfD führt.
Ein Beispiel, das mir bis heute im Kopf geblieben ist, war ein Antrag, den ich selbst eingebracht hatte. Es ging um das sogenannte N-Wort. Ich hatte über Wochen hinweg in mühsamer Überzeugungsarbeit meine eigene Fraktion und große Teile der Koalition hinter dem Antrag versammelt. Die einzige Fraktion, die klar dagegen war, war die FDP, die in diesem Fall als Mehrheitsbeschaffer fungierte.
Dann passierte etwas Absurdes. Die PARTEI brachte den Antrag aus der Opposition ein. Sie fanden ihn richtig und sahen keinen Grund, ihn nicht zur Abstimmung zu stellen. Und plötzlich stand meine eigene Fraktion vor der Frage, ob sie ihrem eigenen Antrag zustimmen sollte.
Statt einfach nach bestem Wissen und Gewissen zu handeln, begann eine Debatte darüber, den Antrag zurückzustellen. Zurückstellung, so wurde argumentiert, sei ja keine Ablehnung. Es wurde darüber gesprochen, ob es als Schwäche ausgelegt werden könnte, einem Antrag aus der Opposition zuzustimmen. Dabei war längst öffentlich bekannt, dass der Antrag inhaltlich nahezu identisch mit dem grünen Antrag war. Und trotzdem überwog etwas anderes: die Angst vor einem Koalitionsbruch, die Angst, als Verbotspartei wahrgenommen zu werden, die Angst vor der Reaktion der Öffentlichkeit.
Nach endlosem Hin und Her beschloss meine Fraktion das Absurde: dass ich, weil betroffen, lieber nicht an der Sitzung teilnehmen sollte, weil ich angekündigt hatte, bei einer namentlichen Abstimmung selbstverständlich meinem eigenen Antrag zuzustimmen. Wir waren meilenweit entfernt von der eigentlichen Frage, ob wir das N-Wort als rassistisch einordnen und seine Verwendung ablehnen. Stattdessen steckten wir mitten in einem angstgetriebenen, absurden Machtkampf mit der FDP und einer Satirepartei, der mich daran hinderte, mein Mandat auszuführen.
Am Ende ging es nicht mehr um den Inhalt. Nicht mehr um die Menschen, die von diesem Begriff betroffen sind. Sondern nur noch um politische Risiken. Um wackelnde Mehrheiten.
Und genau darin zeigt sich, was German Angst für mich in der Politik ist: der Drang, sich immer hinter einer vermeintlichen Mehrheit verstecken zu wollen.
Dieses Beispiel ließe sich mühelos fortsetzen. Etwa, wenn Anträge zu kostenlosen Menstruationsartikeln abgelehnt werden, nicht weil sie falsch sind, sondern weil man lieber einen eigenen einbringen möchte. Oder wenn die Standortfrage einer Europäischen Schule (einer Privatschule für die Kinder von EZB-Mitarbeitenden) jede zweite Sitzung dominiert, während es in Schulen in sozial benachteiligten Stadtteilen durch die Fenster zieht und Kinder sich im Winter draußen mit kaltem Wasser die Hände waschen müssen.
Was sich darin zeigt, ist kein Zufall, sondern ein Muster. Entscheidungen werden nicht danach getroffen, was gebraucht wird, sondern danach, was politisch sicher ist. Und diese vermeintliche Sicherheit verteilt sich nicht gleich.
Genau an dieser Stelle wird die Frage nach Macht und Ungleichheit zentral.
Genau hier muss Politik intersektional gedacht werden.
Denn während manche Menschen Angst davor haben, dass sich ihre Nachbarschaft verändert, leben andere Menschen mit der Angst, überhaupt eine Wohnung zu finden. Während die einen Angst vor „Überforderung des Systems“ haben, sind andere selbst das System, das permanent überfordert wird: durch soziale Ungerechtigkeiten, durch Rassismus, Queerfeindlichkeit, Antisemitismus, Ableismus. Und durch Gesetze und Strukturen, die sich tief in alle Bereiche unseres Zusammenlebens eingeschrieben haben.
German Angst ist keine universelle Angst.
Sie ist eine privilegierte Angst. Eine Angst derer, die etwas zu verlieren haben. Eine Angst, nicht mehr Teil der Mehrheit zu sein.
Und gleichzeitig oft eine Angst, die übersieht, dass andere nie die Sicherheit hatten, die sie jetzt bedroht sehen.
Was mich in den letzten fünf Jahren am meisten erschüttert hat, ist nicht, dass es diese Angst gibt. Angst ist menschlich. Was mich erschüttert hat, ist, wie politisch mit ihr umgegangen wird. Denn anstatt diese Angst einzuordnen, zu kontextualisieren und ihr etwas entgegenzusetzen, wird sie verstärkt. Instrumentalisiert. Bedient.
Und plötzlich werden aus Gefühlen politische Maßnahmen. Etwa Waffenverbotszonen, die suggerieren, dass zuvor erlaubt gewesen sei, mit Schuss- und Stichwaffen durch das Bahnhofsviertel zu laufen, tatsächlich aber vor allem neue Befugnisse schaffen, mit denen Polizei gezielt Drogenkranke und rassifizierte Menschen kontrollieren und drangsalieren kann. Ausgeweitete Kameraüberwachung im öffentlichen Raum, ergänzt durch den Einsatz von KI-gestützter Gesichtserkennung, verkauft als Sicherheit, bezahlt mit Freiheit. Oder Bezahlkarten für Geflüchtete, die kaum praktischen Mehrwert bieten, dafür aber enormen Verwaltungsaufwand erzeugen und vor allem eines tun: entwürdigen. Maßnahmen, die am ersten Artikel unseres Grundgesetzes kratzen und gleichzeitig Menschen wie Boris Rhein und Friedrich Merz das Gefühl geben, wieder ein Stück Kontrolle zurückgewonnen zu haben.
Oder symbolische Scheinlösungen statt struktureller Veränderungen: ein Mahnmal für 300.000 Euro gegen Gewalt an Frauen, anstatt Frauenhausplätze konsequent auszubauen, weil der Streit um Wohnungsnot die Koalition gefährden.
Maßnahmen, die Menschen ausschließen. Maßnahmen, die Rechte einschränken. Maßnahmen, die Härte normalisieren. So wird Angst nicht überwunden. Sie wird verwaltet und politisch verwertet.
Wir erleben gerade in Deutschland, wie aus German Angst eine politische Richtung wird. Eine Richtung, die sich nach Sicherheit sehnt, aber dabei tatsächliche Freiheit und gesellschaftlichen Zusammenhalt opfert. Die Ordnung verspricht, aber Ungleichheit vertieft. Die Kontrolle herstellen will, aber Vertrauen zerstört. Die aus Angst, die „Mehrheit“ nicht zu mobilisieren, am Ende lieber gar nicht mobilisiert.
Und ich frage mich: Was passiert mit einer Demokratie, die nicht mehr von Hoffnung, sondern von Angst geleitet wird?
Ich habe mein Mandat beendet. Nicht, weil ich aufgegeben habe oder denke, dass das alles nichts bringt. Und auch nicht, weil ich denke, dass ich nichts verändern kann. Ich denke, ich kann Dinge verändern. Ich weiß, ich habe schon Dinge verändert. Aber ich habe auch gesehen, wie die Politik mich verändert hat. Ich habe eine Ahnung davon, wie weit sie mich noch verändern könnte. Wie viel einfacher es wäre. Aber am erschreckendsten war es für mich, zu sehen, wie schnell Macht meine Mitstreiterinnen verändert hat. Wie schnell Angst zum Maßstab aller Entscheidungen wird.
Und diesen Weg, diesen Wandel, diesen Kompromiss weigere ich mich mitzugehen. Denn wie ich anfangs geschrieben habe: Mein Feminismus ist intersektional. Mein Kompass sind die Menschenrechte. Und bei Menschenrechten kann und sollte es in einer Demokratie keine Kompromisse geben.
Weder aus Angst vor einer überprivilegierten Minderheit, und erst recht nicht aus Angst, eine vermeintliche Mehrheit zu verprellen.
Wenn wir wirklich über Verantwortung sprechen wollen, dann müssen wir anfangen, die richtigen Fragen zu stellen:
Wessen Angst zählt eigentlich?
Wessen Sicherheit wird geschützt?
Und auf wessen Kosten?
Vor fünf Jahren bin ich mit einem klaren Satz in den Wahlkampf gegangen: Mein Feminismus ist intersektional. Es war für mich nie nur ein Slogan, sondern ein politisches Versprechen, Machtverhältnisse nicht isoliert zu betrachten, sondern in ihrem Zusammenspiel zu verstehen. Heute, nach fünf Jahren in der Kommunalpolitik, weiß ich mehr denn je, wie notwendig genau dieser Blick ist.
Denn was viele meiner Kolleg*innen im Römer einfach nicht checken, ist: Wenn wir all die sogenannten Minderheiten zusammendenken, sind wir längst keine Minderheit mehr. Menschen, die von Rassismus betroffen sind. Menschen mit Behinderung. Queere Menschen. Jüdische Menschen. Arme Menschen. Frauen. Die Liste ist lang und sie überschneidet sich.
Intersektionalität macht genau das sichtbar: dass Diskriminierung nicht getrennt voneinander existiert, sondern sich überlagert und verstärkt. Genau deshalb ist es kein theoretisches Konzept, sondern ein politischer Schlüssel. Denn nur wenn wir diese Verbindungen erkennen, können wir der Politik der Angst etwas entgegensetzen: Denn wenn wir alle jüdischen, nicht-weißen, armen-, kranken Menschen, muslimischen Menschen, Menschen mit Behinderung, die alten Menschen und Frauen zusammennehmen, sind wir die absolute Mehrheit.
Und vielleicht ist es Zeit, German Angst nicht einfach nur zu verwalten, sondern ihr etwas entgegenzusetzen: Mut.
Mut, etwas mehr Intersektionalität zu wagen.
Mut, nicht das zu schützen, was wir kennen, sondern das zu verteidigen, was richtig ist. Und Mut dazu uns auf das Verbindende zu fokussieren anstatt uns von einer Elite mit ihrem Rucksack voller Privilegien spalten zu lassen.
