Illustration Sarah von der Heide

Gegen das Tabu des unerfüllten Kinderwunsches anschreiben:

Notizen zu meiner Kinderwunsch-Odyssee

Alice Beigang

Irgendwie wusste ich schon immer, dass ich Mutter werden möchte. Ich glaube, für meinen Partner spielten eigene Kinder auch schon früh eine Rolle, wenn er an seine Zukunft dachte. Dass wir dann fast unsere ganzen Dreißiger mit dem Kinderwunsch-Thema beschäftigt sein würden, ahnten wir damals natürlich nicht. Dafür, dass so viele Menschen von einem unerfüllten Kinderwunsch betroffen sind und dieser so existenziell ist, wird immer noch viel zu wenig darüber gesprochen. Es ist ein sensibles und verletzliches Thema und wir müssen gesellschaftlich erst noch lernen, wie wir damit umgehen.

Als ich Anfang dreißig war, entschieden wir, dass wir es jetzt mit dem Kinderkriegen probieren wollten, und stoppten die Verhütung. Im ersten Zyklus fühlte es sich dann kurz aufregend an, denn da hätte ich ja einige Wochen später bereits schwanger sein können. Hätte, denn einige Jahre vorher hatte meine damalige Frauenärztin den Verdacht auf Endometriose geäußert, der dann per Bauchspiegelung bestätigt wurde, und so hatte ich schon befürchtet, dass es schwierig(er) werden könnte mit dem Schwangerwerden.

Nachdem wir es schon einige Zyklen versucht hatten, sagte die nächste Frauenärztin zu mir: „Nach einem Jahr kann ich Ihnen eine Überweisung für eine Kinderwunschklinik ausstellen. Oder auch vorher, wenn die Situation zu belastend wird.“ Eine Freundin von uns verkündete wenig später ihre Schwangerschaft und ich spürte, dass wir nun dringend einen Termin in einem Kinderwunschzentrum vereinbaren mussten.

In den insgesamt sieben Jahren des unerfüllten Kinderwunsches waren wir immer wieder zu Gesprächen und ersten Untersuchungen in vier unterschiedlichen Kinderwunschzentren. Am Ende landeten wir wieder im Zentrum vom Anfang, diesmal bei einer anderen Ärztin. In diesem Zentrum machten wir dann auch den ersten Versuch einer assistierten Befruchtung, der leider nicht zu einer Schwangerschaft führte. Beim zweiten Versuch wurde ich schwanger und 2024 habe ich unser Kind geboren.

Die Jahre zwischen „wir verhüten nicht mehr“ und der Geburt unseres Kindes waren eine emotional und mental extrem herausfordernde Zeit. Ich glaube, die Beschreibung „Achterbahn der Gefühle“ wurde für die Zeit des unerfüllten Kinderwunsches erfunden. Jeden Zyklus habe ich versucht wieder Mut und Hoffnung zu schöpfen, mit jeder einsetzenden Periode war ich am Boden zerstört. Im Büro habe ich mit niemandem darüber gesprochen. Mit unseren Familien und unseren Freund*innen haben wir unseren Wunsch irgendwann geteilt. Als klar wurde, dass wir reproduktionsmedizinische Hilfe brauchen würden, fing mein Partner an zu zweifeln, ob er noch ein Baby wollte und fragte sich, ob man in diese Welt noch ein Kind setzen kann. Ich wusste nicht mehr weiter und mir wurde irgendwann klar, dass wir uns Hilfe suchen mussten, und schließlich haben wir einige Sitzungen bei einer Paar-Therapeutin/Kinderwunsch-Beraterin in Anspruch genommen.

Die Kinderwunschzeit ist individuell herausfordernd, aber auf struktureller und gesellschaftlicher Ebene wirken Mechanismen, die den Weg und die Zeit des unerfüllten Kinderwunsches zusätzlich erschweren und belasten. Das Thema unerfüllter Kinderwunsch ist ein Tabuthema, über das häufig nicht mal in der Familie und somit öffentlich schon gar nicht gesprochen wird. Auch meine Herkunftsfamilie war unsicher, wie sie mit mir über das Thema sprechen sollte, und die Unsicherheit führte zu einer Kommunikation, die teilweise eher verletzend als unterstützend war, auch wenn ich mich nicht per se als Frau* abgewertet gefühlt habe. Nimmt man allerdings den reproduktionsmedizinischen Apparat in den Blick, wird auch hier sichtbar, wie patriarchal dieser geprägt ist. Bis vor einigen Jahren ging man standardmäßig davon aus, dass die Frau* unfruchtbar ist, und die Fruchtbarkeit der Männer wurde häufig erst spät im Prozess getestet. Statistisch verteilen sich die Ursachen allerdings zu jeweils etwa 30 % beim Mann und bei der Frau*. Die oft als extrem zehrend empfundene reproduktionsmedizinische Behandlung betrifft fast immer den weiblichen Körper, obwohl nachgewiesenermaßen die Spermienqualität seit den 1970er Jahren in den europäischen Ländern drastisch zurückgeht. Meiner Meinung nach wäre es logisch, an dieser Stelle anzusetzen, zu forschen und neue Lösungen zu entwickeln. Dies erfolgt wohl nur sehr eingeschränkt.

Unfruchtbarkeit gilt als Abweichung von der gesellschaftlichen Norm. Bei allen anderen scheint es einfach zu klappen. Der unerfüllte Kinderwunsch ist oft schambehaftet, weil man es als individuelles Versagen einordnet. Dass nicht offen beziehungsweise öffentlich darüber gesprochen wird, führt dazu, dass die meisten gar nicht wissen, wie viele Menschen in ihrem Umfeld von einem unerfüllten Kinderwunsch betroffen sind. Laut dem Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend ist in Deutschland fast jedes zehnte Paar im Alter zwischen 25 und 59 Jahren ungewollt kinderlos. (In der Statistik tauchen nur Paare auf. Hinzu kommen Menschen mit Kinderwunsch, die in keiner Partnerschaft sind und sich aus vielfältigen Gründen eine Solo-Elternschaft nicht zutrauen.) 

Das Patriarchat macht natürlich auch vor dem unerfüllten Kinderwunsch nicht Halt und beeinflusst die Situation zusätzlich. Von den Krankenkassen werden die Kosten für die Kinderwunsch-Behandlung nur unter gewissen Voraussetzungen (anteilig) übernommen: nur bei heterosexuellen verheirateten Paaren, beide müssen mindestens 25 Jahre alt sein, die Frau muss unter 40 Jahre alt und der Mann unter 50 Jahre alt sein. Das Familienbild, welches durch diese Auflagen propagiert wird, ist höchst fragwürdig, und die Auflagen, unter denen eine Behandlung bezuschusst wird, bedürfen dringend einer Überarbeitung und Aktualisierung. Unabhängig von den Krankenkassen gibt es in einigen Bundesländern finanzielle Unterstützung durch Landesmittel. In Bremen, Rheinland-Pfalz, dem Saarland und Thüringen werden so auch gleichgeschlechtliche Frauenpaare unter bestimmten Voraussetzungen gefördert.

Wir haben uns dagegen entschieden, zu heiraten und mussten die Kosten für die Behandlungen im Kinderwunschzentrum selbst tragen. Bei uns war es ein niedriger fünfstelliger Betrag, die Summen steigen aber sehr schnell an, wenn man mehrere Versuche einer IVF (In-vitro-Fertilisation) oder ICSI (intrazytoplasmatische Spermieninjektion) benötigt. Die Behandlung war teuer, aber aufgrund unserer Privilegien, die die Hautfarbe, die sexuelle Orientierung und die Staatsbürgerschaft umfassen, konnten wir die reproduktionsmedizinische Behandlung relativ niedrigschwellig in Anspruch nehmen. Für queere Paare, Solo-Eltern und Co-Parenting ist der Weg noch viel, viel steiniger, da er von strukturellen und rechtlichen Hürden geprägt ist, die für uns nicht galten.

Ich wünsche mir, dass wir gesellschaftlich über den (bisher) unerfüllten Kinderwunsch sprechen, damit sich für die Betroffenen etwas verändert, sowohl auf politischer Ebene (wer wird wie gefördert) als auch auf vermeintlich privater Ebene, zum Beispiel in Bezug auf das Empfinden von und den Umgang mit Schuld und Scham. Ich wünsche mir, dass wir einander zuhören. Und dass wir, wenn sich jemand öffnet, sensibel mit der Situation umgehen und nachfragen, was die Person braucht oder als hilfreich empfindet.