Es gibt Menschen, die einen Raum betreten und sofort eine sanfte Art von Klarheit mitbringen. Nicht laut, nicht fordernd, sondern mit einer wachen, präsenten Aufmerksamkeit, die etwas Gemeinsames sucht. Nelly Gawellek ist so ein Mensch. In ihr wohnt ein Hoffen ohne Naivität, eine Ernsthaftigkeit, die nie die Behutsamkeit verliert. Sie hat einen ausgewogenen Blick für Bedürfnisse, Stimmungen und Ressourcen, spürt feine Verschiebungen im Miteinander.
Im Hauptberuf Kunsthistorikerin und Kuratorin der Anna Polke-Stiftung, im Ehrenamt Vorstandsmitglied von And She Was Like: BÄM!. Seit 2018 gestaltet sie die Arbeit der Stiftung mit, seit 2019 prägt sie BÄM! als Vorstandsfrau.
Für BÄM! ist sie doppelte Bodenhaftung und Zukunftsgewandtheit zugleich: jemand, deren vertrauensvolles Gesicht man einfach gern in der Runde hat. Eine, die zuhört, die aushält, die sortiert und dabei willensstark bleibt.
Dass Gemeinschaft für sie kein abstrakter Begriff ist, sondern etwas sehr Konkretes, spürt man sofort: „Wir sind ständig in verschiedene kleinere und größere Gemeinschaften eingebunden und pflegen und nähren diese durch unser Verhalten.“ In ihrem Denken wie in ihrem Tun schwingt immer auch die Bereitschaft mit, Prozesse anzunehmen, wie sie sind: „Das Unvorhergesehene umarmen, sich nicht an Vorstellungen zu klammern, die man hatte, Fehler machen und korrigieren – alles Dinge, die ich lerne und übe.“
Nelly, mit ihrem Idealismus, ihrem kritischen Blick, ihrer leisen Kraft, gehört zu den Menschen, die BÄM! nicht nur mit Leben füllen, sondern uns immer wieder neu ausrichten: hin zu Gerechtigkeit, Gemeinschaft und der Frage, wie wir Zukunft gemeinsam gestalten können. Nellys Wirken ist achtsam, politisch, herzlich, verbunden. Nelly ist BÄM!
Wer bist du, und was treibt dich in deinem Leben und deiner Arbeit an?
Ich bin Nelly Gawellek, habe Kunstgeschichte und Allgemeine Rhetorik in Tübingen studiert. Nach meinem Abschluss bin ich nach Köln gezogen und habe festgestellt, dass ich im Herzen wahrscheinlich schon immer eine kölsche Frohnatur war. Ich habe hier sehr schnell gefunden, was mich antreibt: ein offenes Miteinander, eine lebendige Kunst- und Kulturszene und mit BÄM! eine Gemeinschaft von Verbündeten.
Wie würdest du dich und dein Wirken in drei Worten beschreiben?
Gerechtigkeitsliebend. Begeisterungsfähig mit kritischem Blick. Idealistisch-bodenständig. Manchmal an der Realität verzweifelnd, aber grundsätzlich hoffnungsvoll.
Gibt es einen Moment, eine Erfahrung, Menschen, die dich besonders geprägt haben und deine Sicht auf die Welt, dein Arbeiten beeinflusst haben?
Nach einem ziemlich ernüchternden Studienstart – endlose Vorlesungen, in denen barocke Blumensträuße und Renaissance-Denkmäler analysiert wurden – hatte ich das große Glück, dass eine neue Professorin, Barbara Lange, an unser Institut kam, die mit uns Judith Butler und Simone de Beauvoir gelesen hat. Meinen eigenen Erfahrungen und den Fragen, die mich bewegt haben, in der Literatur wiederzubegegnen und diese mit anderen an der Kunst zu diskutieren, hat mir sehr viel gegeben. Kunst rein um der Kunst willen, hat mich nie besonders interessiert, sondern es ging mir immer um die Schnittstelle zur Gesellschaft, zum echten Leben. Plötzlich wurden auch die Fragen an Renaissance-Kunst wieder spannend: Wer wird hier repräsentiert? Wessen Macht wird durch Kunst legitimiert? Wessen Arbeit bleibt sichtbar über die Jahrhunderte? Was sagt das über die Beschaffenheit einer Gesellschaft aus?
Kunst entsteht immer in einem sozialen Gefüge und lässt sich nicht auf die “geniale” Leistung einer Einzelperson reduzieren. Wir müssen die Kunstgeschichte darauf überprüfen, welche Verbindung zum Jetzt besteht, welche Themen Relevanz haben, wo kritisch auf die Vergangenheit geschaut werden muss. Aus dieser Haltung heraus arbeite ich nicht nur für BÄM, sondern auch in der Anna Polke-Stiftung.
Work in Progress ist ein zentrales Prinzip von And She Was Like: BÄM! – In welchem Bereich erlebst du dich selbst als Lernende oder Verändernde? In welchem Bereich fühlst du dich gerade selbst „in progress“?
Eher im privaten als im beruflichen. Seit ich ein Kind habe, fühlt sich sehr vieles “in progress” an. Situationen und Bedürfnisse verändern sich ständig und man muss oft sehr schnell und direkt erspüren, was gerade wichtig ist und priorisiert werden muss. Es gibt auf einmal viel mehr Faktoren, die man nicht direkt kontrollieren kann und die einen großen Einfluss haben. Das Unvorhergesehen umarmen, sich nicht an Vorstellungen zu klammern, die man hatte, Fehler machen und korrigieren – alles Dinge, die ich seither lerne und übe…
Welche*r Künstler*in, Aktivist*in oder Denker*in inspiriert dich aktuell, und warum?
Luisa Neubauer, deren Engagement ich schon lange bewundere. Sie schafft es, eine sehr authentische Form von Hoffnung zu vermitteln, die nicht aus einem naiven Glauben an ein gutes Ende besteht, sondern eine Handlung meint. Seit ich Hoffnung aus diesem Blickwinkel als bewusste Entscheidung, als kritische Praxis sehe, die manchmal auch anstrengend ist, fällt es mir leichter, sie immer wieder neu zu finden.
Was bedeutet für dich „Gemeinschaft“ – und wie kann sie in herausfordernden Zeiten gestärkt werden?
Gemeinschaft ist ein Begriff, der stark aufgeladen ist, aber im Grunde ist es ja eigentlich eine ganz alltägliche Sache. Wir sind ständig in verschiedene kleinere und größere Gemeinschaften eingebunden und pflegen und nähren diese durch unser Verhalten. In einem größeren Rahmen macht es mir Sorgen, dass die Gesellschaft immer mehr vereinzelt. Ich wünsche mir, dass wir an den Orten festhalten, an denen ganz unterschiedliche Menschen zusammenkommen – Stadtteilbibliotheken, Schwimmbäder, Nachbar*innenschaften.
In den letzten zehn Jahren hat sich gesellschaftlich viel bewegt – welche Entwicklungen machen dir Hoffnung, und wo siehst du noch dringenden Handlungsbedarf? Welche Stimmen oder Perspektiven fehlen deiner Meinung nach noch in öffentlichen Diskursen?
2015 war das Jahr, bevor Donald Trump zum ersten Mal Präsident der USA wurde. Populismus und Polarisierung der öffentlichen Diskurse haben seither ein Ausmaß angenommen, das ich mir vorher nicht vorstellen konnte. Es gab aber auch sehr viele positive Bewegungen seither: #metoo, die Black-Lives-Matter-Bewegung… Obwohl es derzeit einen großen konservativen Backlash gibt, hoffe ich, dass es Wendepunkte gab, hinter die wir nicht mehr zurückfallen können. Gleichzeitig bin ich besorgt, dass faschistische Aussagen, die in meiner Jugend unsagbar waren, auf einmal wieder diskutiert werden können, während wir mit dem Klimawandel vor einer globalen Krise stehen, auf die die Politik keine Lösungen findet.
Wenn du einen Wunsch für die nächsten zehn Jahre formulieren könntest: Wie sollte eine inklusive und gerechte Gesellschaft aussehen?
Eine inklusive und gerechte Gesellschaft akzeptiert, dass es strukturelle Ungleichheiten gibt und versucht, diesen aktiv entgegenzuwirken. Das setzt Solidarität voraus und die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen. Wir brauchen Perspektivwechsel und die Begegnung mit Menschen außerhalb unserer Bubble. Dafür müssen (unkommerzielle) Räume existieren. Das im Kleinen… Auf der großen politischen Bühne, wünsche ich mir, dass Politik es schafft, abseits medialer Aufmerksamkeitsökonomien und neoliberalen Marktdynamiken, Lösungen für Alle zu entwickeln. Ob das in den nächsten zehn Jahren passieren kann…? Ich hoffe, wir machen noch ein paar Schritte in die richtige Richtung.
Was ist deine Rolle in der BÄM!-Gemeinschaft, wie und wo bringst du dich ein?
Ich bin seit 2019 im Vorstand. Das heißt: zusammen mit Ilka Helmig und Katharina Klapdor Ben Salem, kümmere ich mich um Vereinsformalia, wie die Mitgliederverwaltung und Finanzen, um die strategische Ausrichtung – was oft bedeutet, Antworten darauf zu finden, wie man mit möglichst wenig personellen und finanziellen Ressourcen, möglichst gut und nachhaltig arbeiten kann. Und wir repräsentieren den Verein nach außen, auf Podiumsgesprächen und in Gremien.
Was bedeutet BÄM! in deinem Leben?
Diese Frage berührt mich gerade sehr. Ich stand vor Kurzem noch vor der Entscheidung, aus dem Vorstand zurückzutreten, da es immer wieder schwierig ist, die Zeit und Energie für ein Ehrenamt aufzubringen. Letztendlich habe ich aber sehr deutlich gespürt, dass ich genau hier keine Abstriche machen möchte. BÄM hat mich schon in vielen beruflichen und privaten Situationen gestärkt, durch Austausch, das enorme Schwarmwissen, das die Community mitbringt und nicht zuletzt durch das besondere Gemeinschaftsgefühl. Obwohl wir ein loses Netzwerk sind, gibt es ein Grundverständnis und großes Vertrauen. Jede bringt ein, was sie kann und möchte und das ist immer okay und genug.
Welches Wort oder welche Emotion beschreibt für dich am besten die Energie von And She Was Like: BÄM!?
Vertrauen – in die Gruppe und die eigenen Fähigkeiten.
Was wünschst du And She Was Like: BÄM! zum Jubiläum – und welche Botschaft möchtest du für die Zukunft mitgeben?
Ich wünsche mir, dass unser Vereinsziel – die Gleichstellung aller Geschlechter – irgendwann eine gesellschaftliche Selbstverständlichkeit geworden ist und nichts mehr, für das man sich politisch engagieren muss. Und dann feiern wir einfach nur noch zusammen!