Sascia Bailer, “Caring Infrastructures, Transforming the Arts Through Feminist Curating”, 2024

Sascia Bailer, Foto: © Soledad Muriel

Performance von Gin Bahc bei der Eröffnung der Ausstellung “WORKWORKWORK”, co-kuratiert von Sascia Bailer und Karin Lustenberger; Foto © Alex Flores

Besucherin der Audio-Intervention von Sascia Bailer, “They mistake our softness as weakness”, 2025, Foto: © Amelie Gappa

Besucherin der Audio-Intervention von Sascia Bailer, “They mistake our softness as weakness” (Detail), 2025, Foto: © Amelie Gappa

Workshop von Sascia Bailer, Mirthe Berentsen & Hettie Judah, “The Drop Out: Tell Them I Said No”, E-Werk Luckenwalde

Workshop “Building Caring Infrastructures”, TBA21 Córdoba, 2022, Foto: © Sascia Bailer

Workshop, “Collective mapping of care”; Goethe Institut Indonesia, 2021

Ausstellungsansicht “Mothers*, Warriors, and Poets - Fürsorge als Widerstand”, Stadt Palais Stuttgart, 2023, Foto: © Julia Ochs

“On the Horizon Care”, Foto: © Julia Ochs

BÄM! (stellt vor): Sascia Bailer

Hier lernt ihr die Menschen kennen, die BÄM! möglich machen: diejenigen, die inspirieren, organisieren, kritisieren, träumen, denken und anpacken. Menschen vor, hinter und rund um BÄM!, die unsere Community mit Herz und Haltung gestalten

Sascia Bailer ist Wissenschaftlerin, Kuratorin und Autorin. Sie arbeitet an der Schnittstelle von Care, Gender und zeitgenössischer Kunst und setzt mit ihrer Forschung und praktischen Arbeit durch Lectures, Vorträge, Workshops wichtige Impulse für einen gerechteren und fürsorglicheren Kreativsektor. 

Wir konnten Sascia für unsere Ausstellung soft intentions (2025) gewinnen. Mit ihrem Soft Manifesto for Caring Infrastructures, das in ihrer Publikation Caring Infrastructures, Transforming the Arts Through Feminist Curating (2024) enthalten ist, war klar: Sie darf als Position in diesem Projekt nicht fehlen. Ihr Manifest ist weit mehr als eine programmatische Haltung – es gibt Impulse für Handlungen, die Geschlechtergerechtigkeit und Care in der Kunst real werden lassen können. Ursprünglich für einen klassischen Talk angefragt, entschied sich Sascia im Rahmen unserer Ausstellung für das Format einer Audio-Intervention: In They mistake our softness as weakness (2025) wurden auf Ipods alltägliche Geschichten von Frauen hörbar – die von Erschöpfung, (Fehl-)Geburt, Gewalt und stiller Solidarität erzählten. Softness nicht als Schwäche, sondern als eine andere Form von Stärke: ausdauernd, formbar, widerständig. In einem Notizbuch waren Besucher*innen eingeladen, ihre Gedanken zu notieren. 

Als eine Position, die BÄM! 2025 begleitet und inspiriert hat, möchten wir euch Sascia nun vorstellen. Wir haben mit ihr über ihre persönlichen Erfahrungen, Antriebe und Visionen gesprochen – von ihrer Arbeitspraxis, Care und Mutterschaft bis hin zu der Frage, wie Gemeinschaft und Gerechtigkeit in unserer Gesellschaft gestärkt werden können.

 

Liebe Sascia, erzähl einmal: Wer bist du, und was treibt dich in deinem Leben und deiner Arbeit an?

Mein Name ist Sascia Bailer, ich bin alleinerziehende Mutter eines Sohnes (9 Jahre alt), wir leben in einer Mehrgenerationen-WG südlich von Freiburg mit meinem Großvater. Ich arbeite als Kuratorin, Wissenschaftlerin und Autorin zu Care, Geschlechtergerechtigkeit und gesellschaftlicher Transformation. Dazu komme ich in verschiedenen Initiativen und Kollektiven (z.B. bei Mothers*, Warriors and Poets, und dem CARING CULTURE LAB) mit anderen like-minded Activists zusammen – um die Welt in ihren Strukturen ein klein wenig gerechter, transparenter und zugänglicher zu machen. 

Wie würdest du dich und dein Wirken in drei Worten beschreiben – und warum genau diese?

Empathisch -–Zukunftsgewandt – Beharrlich.
Ich habe einen sehr ausgeprägten Sinn für Empathie und bin feinfühlig, was soziale Ungleichheiten anbelangt – aus dieser Situation entwickelt sich bei mir meistens, eine Vision, wie die Zukunft anders, gerechter gestaltet werden könnte (daher der Versuch, ein Wort dafür zu finden – zukunftsgewandt). Auf dem Weg zu einem otherwise bin ich dann doch auch sehr beharrlich und gebe selten auf.  

Gibt es einen Moment, eine Erfahrung, Menschen, die dich besonders geprägt haben und deine Sicht auf die Welt, dein Arbeiten beeinflusst haben?

Mutter zu werden, hat mich nachhaltig geprägt und auch politisiert. Meine Beziehung zu Mutterschaft wandelt sich jedoch ständig: Nach der Geburt hat es angefangen mit viel Angst, Schmerzen, Depression und wenig Zuversicht, sehr viel Erschöpfung. Dann kam, glaube ich, die Wut. Die Wut über die Bedingungen, die Ungerechtigkeiten, die Unzugänglichkeit für mich als alleinerziehende Mutter im kulturellen Berufssektor. In der Zwischenzeit ist Mutterschaft für mich aber auch ein Feld der Möglichkeiten geworden. Ich habe das Gefühl, einen Menschen großzuziehen, der Teil eines Wandels, eines Umdenkens sein kann. Ich möchte Mutterschaft vielleicht als ein Samen-Säen für eine feministischere Zukunft sehen. Ich sehe die Fragen rund um Care als dynamisches Feld – wenn wir Normen und Regeln rund um Sorgearbeit aufbrechen und ändern – dann ändern wir auch gesamtgesellschaftliche Bezüge. Das ist für mich eine Perspektive in Bezug auf Mutterschaft und gesellschaftlichen Wandel, die ich sehr wichtig finde und die mir Hoffnung gibt – und die ich versuche, in Ausstellungen und Diskurs-Programmen weiter voranzutreiben.

Welche*r Künstler*in, Aktivist*in oder Denker*in inspiriert dich aktuell, und warum?

Mir wurde kürzlich eine ähnliche Frage gestellt, nämlich mit wem ich mein Buch Caring Infrastructures, Transforming the Arts Through Feminist Curating (2024) gerne besprechen würde. Da ich generell unter Decision Fatigue leide, habe ich anstatt einer Person einen ganzen Dinner Table vorgeschlagen mit allen tollen feministischen Denker*innen, die mein Buch und meine Arbeit beeinflusst haben: Sara Ahmed, Tania Bruguera, María Puig de la Bellacasa, Renee Cox, Céline Condorelli, Katy Deepwell, Silvia Federici, Nancy Fraser, Guerrilla Girls, Donna Haraway, Johanna Hedva, Hettie Judah, Elke Krasny, Sophie Lewis, Natalie Loveless, Chantal Mouffe, Linda Nochlin, Mierle Laderman Ukeles, Maura Reilly, Joan Tronto, Louise Toupin, und viele, viele mehr … 

Was bedeutet für dich „Gemeinschaft“ – und wie kann sie in herausfordernden Zeiten gestärkt werden?

Gemeinschaft kann natürlich sehr viele Facetten haben und in verschiedenen Formen auftreten – zum Beispiel als global verstreute (feministische) Online Community oder als kleiner Kreis von Freund*innen oder Nachbar*innen etc. Was Gemeinschaft bedeutet, hängt also stark von den jeweiligen Kontexten ab. In Bezug auf Resilienz und Stärkung liegt, glaube ich, der Schlüssel in der Gegenseitigkeit. Ich denke, es gibt viele Communities, die von wenigen Personen getragen werden. Wenn diese Personen ausbrennen, dann ist es leider kein Selbstläufer, dass ihre Rollen durch andere Mitglieder aus der (vermeintlichen) Community ersetzt werden. Dann können diese (Schein-)Communities auch schnell einschlafen oder aussterben. Ich würde daher als Selbstreflexions-Fragen mitgeben: Zu welchen Gemeinschaften fühle ich mich zugehörig? Was ist in diesen Kontexten meine Rolle? Bin ich die Person, die zwar zu vielen Events kommt, aber nicht danach noch den Tisch abräumt und die Stühle zurechtrückt? Wenn eine tragende Person aus der Community ausfällt, bin ich bereit zu übernehmen? Und für die, die in vielen Kontexten bereits den Hut aufhaben: An wen kann ich auch Orga-Last und Verantwortung abgeben? Ich glaube, wenn wir innerhalb der Gemeinschaften das Prinzip der Gegenseitigkeit und Ausgeglichenheit herstellen können, dann sind sie zukunftsfähiger, gerade in Krisenzeiten.

In den letzten zehn Jahren hat sich gesellschaftlich viel bewegt – welche Entwicklungen machen dir Hoffnung, und wo siehst du noch dringenden Handlungsbedarf? Welche Stimmen oder Perspektiven fehlen deiner Meinung nach noch in öffentlichen Diskursen?

Ich möchte auf den zweiten Teil der Frage antworten: Ich würde mir so sehr wünschen, dass unsere politische und mediale Debatte nicht so unerträglich stark von weißen, privilegierten (männlichen, heteronormativen, alten) Perspektiven geprägt wäre. Diejenigen, die aktuell unter den krassen Einschnitten im Sozialsystem leiden; diejenigen, die von dem zunehmenden Rassismus alltäglich betroffen sind, durch die Hetze von Rechts aber auch von der sogenannten politischen Mitte – diese Menschen müssten gehört werden. Ich hab das Gefühl, unsere führenden Politiker*innen sind von diesen Realitäten enorm abgeschnitten – aber würde sich nicht doch was an der Politik und ihrer Rhetorik ändern, wenn medial diese marginalisierten Stimmen die Talkshows und Cover-Stories dominieren würden?

Wenn du einen Wunsch für die nächsten zehn Jahre formulieren könntest: Wie sollte eine inklusive und gerechte Gesellschaft aussehen? ODER Was braucht es, damit künstlerische und aktivistische Arbeit langfristig Wirkung entfalten kann?

Hey, in zehn Jahren läuft alles rund: Die heutigen autoritären politischen Führungspersonen haben bis dahin aufgrund von altersbedingten Herzinfarkten, Nierenversagen und Leberinsuffizienzen abgedankt. Nachgerückt sind junge progressive Leaders – wie New Yorks neue Bürgermeisterwahl gerade gezeigt hat – weil die Menschen verstanden haben, dass Rechtspopulismus irgendwie doch nicht ihre Probleme gelöst hat. 

Und was den Kunstbetrieb anbelangt: Bis dahin haben sich Initiativen, wie das CARING CULTURE LAB – als erstes community-getragene Kompetenzzentrum für Vereinbarkeit und Geschlechtergerechtigkeit im Kultursektor – so etablieren können, dass der Gender Pay Gap in der Kunst vollends geschlossen werden konnte, historische Sammlungen nun paritätisch ausgeglichen wurden, neue Ausstellungen gender divers konzipiert werden und Aufenthaltsstipendien, und andere Förderprogramme, care-sensibel ausgeschrieben und umgesetzt werden. Also, Leute, in 10 Jahren ist alles (wieder) tip top. 

Welches Wort oder welche Emotion beschreibt für dich am besten die Energie von And She Was Like: BÄM!?

Na, natürlich: …BÄM?!

Was wünschst du And She Was Like: BÄM! zum Jubiläum – und welche Botschaft möchtest du für die Zukunft mitgeben?

Danke für alles, was ihr bisher gewuppt habt! Toll, dass es Euch gibt und keep going!