Fasia Jansen illustriert von Annika Albrecht

Mehr als nur ein Schild

Was die neue Fasia-Jansen-Straße in Köln über unser öffentliches Gedächtnis verrät.

Annika Albrecht

Seit Wochen hingen an den Laternen und Zäunen in meiner Nachbarschaft Illustrationen einer singenden Frau mit Gitarre. Vermischten sich mit Einladungen zum Kinderflohmarkt, Flyern für Fenkid-Kurse, Informationen zu freien Kita-Plätzen oder Wohnungsgesuchen. In Köln-Ehrenfeld, wo ich wohne, wird viel gefeiert. Am 26. September verrieten lediglich die Weinflaschen, die auf den Tischen standen, dass hier wohl kein Kindergeburtstag stattgefunden hatte. Die Feiernden aber waren dieselben wie sonst: Nachbar*innen, Spielplatzeltern, die Mutter von gegenüber mit ihren Kindern.

Erst abends verstand ich, was hier gefeiert wurde: ich wohnte jetzt in unmittelbarer Nähe zur Fasia-Jansen-Straße, einer Straße, die bis Anfang September 2026 noch nach dem Kolonialen Machthaber Wissmann benannt war. Und ehrt nun die afrodeutsche politische Liedermacherin und Friedensaktivistin Fasia Jansen (1929–1997). Über Jahre hatte es immer wieder Aktionen, Aufrufe und Aushänge im Veedel gegeben, die über den problematischen Straßennamen informierten, den die Straße seit 1888 trug, passiert war lange nichts.

Ich fand heraus, dass am 24. September in einer Schule in der Cilly-Servé-Straße*, einer weiteren umbenannten Straße in Ehrenfeld, eine offizielle Feier zur Umbenennung beider Straßen stattgefunden hatte. Warum habe ich auch davon nichts mitbekommen? Wo wurde eingeladen? Auf den laminierten Einladungen an den Laternen war jedenfalls kein Hinweis zu dieser Feier gewesen.

Vielleicht hätte ich genauer hinsehen, mich dazusetzen und nachfragen können. Ich hatte am selben Tag meinen Geburtstag mit einem Essen nachgefeiert und nicht gesehen, dass hier etwas geschah, das alle angeht.

Eine Straßenumbenennung ist mehr als nur der Austausch eines Schildes. Straßennamen sind eine Form öffentlicher Ehrung. Sie zeigen, an wen wir erinnern und wen wir als Teil unserer Geschichte sichtbar machen wollen. Zusammen bilden sie eine Art öffentlichen Kanon: Sie prägen mit, welche Personen und Geschichten im Stadtbild präsent bleiben und welche nicht. Dieser Kanon ist nicht nur problematisch, weil viele der geehrten Personen mit Gewaltverbrechen, kolonialer Herrschaft oder anderen Formen von Unterdrückung verbunden sind. Er ist auch überwiegend männlich geprägt. In Köln sind nur etwa zwölf Prozent der Straßen, die nach Personen benannt sind, Frauen gewidmet. Die Umbenennung ersetzt also nicht einfach einen problematischen Namen durch irgendeinen unproblematischen. Sie kann den bestehenden Kanon Stück für Stück verändern und damit im Alltag Erinnerung schaffen.

Apropos Alltag: Wenn ich mit dem Zug über den Rhein nach Köln einfahre, begrüßt mich jedes Mal das monumentale Kaiser-Wilhelm-Denkmal. Es gehört zum Stadtbild dazu und ist für viele längst ein alltäglicher Anblick. Doch erzählt es von Werten, die wir kritisch hinterfragen müssen. Welche Personen und damit Vorstellungen werden öffentlich gezeigt? Was wissen wir über die Geschichte wirklich? Darüber müssen wir viel mehr diskutieren!

Ich frage mich, ob die Werte, für die die neuen Namensgeber*innen der beiden Straßen stehen überhaupt sichtbar werden. Wofür steht Fasia Jansen, die sich zum Beispiel in der westdeutschen Arbeiterbewegung engagierte und für Frauenrechte eintrat? Wie viele Menschen, die täglich durch diese Straßen gehen, wissen das? Wer macht sich diese Gedanken? Reicht es, einen Namen auszutauschen? Oder braucht es mehr, damit aus einer formalen Entscheidung eine gemeinsame Auseinandersetzung wird? Straßennamen sollten Anlass sein, sich mit den Menschen auseinanderzusetzen, nach denen sie benannt sind, und mit den Geschichten, die hinter ihnen stehen. Und diese kritisch zu hinterfragen.

Dafür braucht es wohl mehr als nur ein neues Schild. Es braucht Informationen, öffentliche Diskussionen und eine Vermittlung, die möglichst viele Menschen erreicht. In Schulen sollte darüber gesprochen werden, wie Straßennamen entstehen, wer geehrt wird und wessen Geschichten meistens fehlen.

Ich hätte mich gerne dazugesetzt. Nicht nur, um die Ehrung von Fasia Jansen zu feiern, sondern auch, um das Gespräch zu führen, das bisher nicht stattgefunden hat. Ich habe mich jahrelang über den alten Straßennamen geärgert und ging davon aus, dass alle anderen auch wissen, wer der Namensgeber war und warum dieser Name problematisch war.

Die Umbenennung hat meinen Blick auf meine eigene Straße verändert. Ich wohne in der Grimmstraße. Die Brüder Grimm sind nicht mit Kolonialoffizieren wie Wissmann gleichzusetzen. Dennoch sind ihre Werke nicht frei von problematischen Vorstellungen. In den Märchen, die sie gesammelt und bearbeitet haben, finden sich beispielsweise antijüdische Stereotype.

Wie gehen wir mit Personen um, die wichtige kulturelle Beiträge geleistet haben, und deren Werte dennoch sehr problematisch sind?

Ich weiß es nicht.

Ich freue mich jedenfalls, jetzt täglich an einem Straßenschild vorbeizufahren, das an Fasia Jansen erinnert statt an einen Kriegs- und Kolonialverbrecher.

Das ist eine Erinnerung an mich selbst, genauer hinzusehen: auf die Straßenschilder und Denkmäler, an denen ich täglich vorbeigehe. Und daran, wie wichtig es ist darüber zu sprechen.

Mehr Informationen zum postkolonialen Erbe Kölns und zur Auseinandersetzung damit gibt es auf der Website der Stadt Köln⁠.

*Cilly Servé war Teil der sogenannten Ehrenfelder Gruppe der Edelweißpiraten, einer Gruppe, in der sich Jugendliche und junge Erwachsene dem Nationalsozialismus und dem Anpassungsdruck der Hitlerjugend widersetzten. Sie ist bislang biografisch nur begrenzt dokumentiert, es gibt über sie zum Beispiel noch keinen Wikipedia-Eintrag, man findet Informationen über sie meist im Zusammenhang mit ihrem Lebensgefährten Hans Stein­brück.