Dinge beim Namen nennen: Feminizide

Die Statistiken zu Feminiziden in Deutschland sind so traurig wie eindeutig: Täglich versucht ein Mann seine (Ex-)Partnerin, Schwester, Tochter, Mutter, Nachbarin oder Geliebte umzubringen. Alle drei Tage gelingt es ihm. Ich bin eine derer, die einen versuchten Feminizid überlebt hat. Meine Mutter hatte weniger Glück.

Donata Rahnenführer

Familiendrama, was für ein Wort. Ein Leben wie ein Theaterstück: überzeichnet, zu laut, emotional, fremd. Weiße Bildungsbürger*innen schauen es sich an, um mehr über die „Welt, in der wir leben“ zu erfahren und anschließend bei einem Glas Rotwein darüber nachzudenken. Das Stück zeigt emotionale Streits, an deren Ende der Mann liebeskrank über die Stränge schlägt. Vielleicht wollte sie ihn verlassen und so fasste er kurzerhand den Entschluss, sie aus purer Ausweglosigkeit zu töten. Der Antiheld hat sich niemals mit seiner Rolle in dieser Gesellschaft oder innerhalb seiner Beziehung auseinandersetzen können (bildungsfernes Milieu), folglich konnte er ihre selbstbestimmte Entscheidung nicht akzeptieren. Also nimmt er ihr alles, was sie hat: ihr Leben und vielleicht sogar das ihrer Kinder. Das „exotische“ (lies: rassistische) Pendant dazu wäre der Ehrenmord. Er zeigt uns, wie grausam nicht-westliche Kulturkreise sind und welche mittelalterlichen Dogmen in ihnen bis heute gelebt werden. Gott sei Dank ist das „bei uns“ alles nicht so relevant, denn wir sind sexuell selbstbestimmt und leben Geschlechtergerechtigkeit. Oder?

Die Statistiken zu Feminiziden in Deutschland sind so traurig wie eindeutig: Täglich versucht ein Mann seine (Ex-)Partnerin, Schwester, Tochter, Mutter, Nachbarin oder Geliebte umzubringen. Alle drei Tage gelingt es ihm.1 Ich bin eine derer, die einen versuchten Feminizid überlebt hat. Meine Mutter hatte weniger Glück.

Der 25. November ist der internationale Tag gegen Gewalt an Frauen. In Deutschland starben 2021 insgesamt 121 Frauen durch sogenannte Partnerschaftsgewalt. Der Instagram-Account @femizide_stoppen zählt im laufenden Jahr die Feminizide in Deutschland. Zum Erscheinen dieses Newsletters sind es 104, der letzte am 25.11.22. Ein kurzer Blick auf weltweite Zahlen reicht, um zu verstehen, dass es sich hierbei nicht um Einzelfälle handeln kann. Die Frauenorganisation der Vereinten Nationen UN Women sprach 2020 von einer „Pandemie der Femizide“ und veröffentlichte alarmierende Zahlen dazu: Alle 11 Minuten wird irgendwo auf dieser Welt eine Frau getötet, weil sie eine Frau ist. Im Jahr 2020 waren das 81.000, rund 58% von ihnen starben durch die Hand eines ihnen nahestehenden Mannes. Tendenz steigend.2 Bei sämtlichen Statistiken ist leider völlig unklar ob und wie trans Frauen, inter oder non-binary Personen aufgenommen werden. Auch die weltweit wachsende Anzahl von Morden an trans Personen ist besorgniserregend.

Über das Wort Feminizid bist du beim Lesen vielleicht gestolpert. Selbst ich musste den Begriff und das dahinterstehende System erst erlernen.
Dabei prägte Diana Russell bereits 1976 den englischen Begriff Femicide, um Frauenmorde durch Männer als soziologisches Phänomen zu benennen. Die Weiterentwicklung zum Begriff Feminizid, wie auch ich ihn verwende, geht auf die mexikanische Anthropologin Marcela Lagarde y de los Ríos zurück, die 2005 durch den Zusatz „ni“ den Zusammenhang von Frauenmorden und Staatsversagen deutlich machte. Weltweit werden Feminizide nicht ausreichend strafrechtlich verfolgt. Feminizide haben System innerhalb patriarchaler Gesellschaften. Sie markieren dort das traurige Ende einer Gewaltspirale, wo Besitzdenken, Machtgefälle und Aggression herrschen.3

Wir wissen auch deshalb so wenig über Feminizide, da in der Berichterstattung zu ihnen ein Framing stattfindet, das sie als private Phänomene darstellt und nur bestimmten Personengruppen zuzuschreiben versucht. Dazu nutzen Journalist*innen zumeist Euphemismen wie Eifersuchtsdrama, Beziehungstat, Tragödie, Ehrenmord, Familiendrama und weitere unpassende Begriffe.
Die Initiative Gender Equality Media deckt mit Studien, Screenings und Kampagnen mediale Gewalt gegen Frauen, Queers, trans und inter Menschen in Deutschland auf. Sie dokumentieren anhand eines Medienscreenings die Wortwahl von Artikeln zu sexualisierter Gewalt und Feminiziden. Dazu stellen sie fest: „sexistische Berichterstattung ist Gewalt in Worten.“

Ich verurteile diese Form der Berichterstattung als aktive Akteur*in bei der Unsichtbarmachung von Gewalt. Auf der einen Seite gilt der journalistische Kodex, über Morde und Suizide aufgrund des befürchteten Werther-Effekts4 nur selektiv zu berichten. Entscheidet man sich dann doch für eine Meldung, scheint selbst die widerlichste Clickbait-Schlagzeile nicht zu würdelos für den Journalist*innenberuf. So springt man lieber auf die Sensation eines Verbrechens an, anstatt die dahinter liegende gesellschaftliche Verantwortung in den Fokus zu nehmen. Es folgen ein paar Beispiele mit einer dicken Content Note: Schilderungen sexualisierter Gewalt/ Feminizide. Die Artikel sind nicht verlinkt, um nicht noch Traffic auf die Seiten zu bringen.

  • „Familien-Drama: Kölnerin zeigt Ehemann nach Sex an, vor Gericht die krasse Wende“ (Express, 6.11.2020)
  • „ER SOLL MICHELLE J. († 27) UND IHREN SOHN NIEDERGEMETZELT HABEN. Azubi Dominik (20) kam nachts und tötete…“ (BILD vom 12.11.2020)
  • „(…) STECKT TRAGISCHES BEZIEHUNGS-DRAMA DAHINTER? Nahm ihn die Trennung von seiner ehemaligen Lebensgefährtin so sehr mit, dass er lieber ihren und seinen eigenen Tod, als ein Leben voneinander getrennt hinzunehmen? [sic]“ (Tag24 vom 13.9.2021)
  • „MORD IM ASIA-IMBISS. Vier Kinder sind jetzt Waisen“ (BILD vom 16.10.2022)

Die letzte Schlagzeile, die als Anspielung auf den Krimi-Klassiker „Mord im Orient-Express“ gelesen werden kann, ist so ekelhaft, dass mir ehrlich gesagt die Worte fehlen. Es fühlt sich für mich wie ein Schlag ins Gesicht an, so etwas über meine Geschwister zu lesen. Wie man in der Pflicht, eine neutrale Berichterstattung zu leisten, solch beschämende Worte wählen kann, ist mir demnach unbegreiflich.

Dabei ist es so wichtig, Feminizide beim Namen zu nennen. Denn erst, wenn wir den Begriff erlernen, können wir ein allgemeines Verständnis davon entwickeln, was er beinhaltet und gesamtgesellschaftlich dagegen vorgehen.5 Tun wir dies nicht, werden die Opfer gleich zweifach bestraft: einmal durch die erlebte Gewalt und ein zweites Mal durch uns, weil wir sie unsichtbar halten.

Donata Rahnenführer für And She Was Like: BÄM!


Wenn du Opfer von sexualisierter und/oder häuslicher Gewalt geworden bist, erhältst du HIER in Köln Hilfe.


1https://www.bka.de/SharedDocs/Downloads/DE/Publikationen/JahresberichteUndLagebilder/Partnerschaftsgewalt/Partnerschaftsgewalt_2020.html
2https://www.unwomen.org/en/what-we-do/ending-violence-against-women/facts-and-figures
3https://www.gender-glossar.de/post/femizid

4Der Werther-Effekt bezeichnet in der Medienwirkungsforschung die Annahme, dass die mediale Berichterstattung zu Suiziden zu vermehrten Nachahmer*innen führt. Der Begriff leitet sich von Goethes Roman
Die Leiden des jungen Werther“ ab, nach dessen Erscheinen sich im 18. Jhd. eine Suizidwelle entwickelte. Der Effekt wird heute kontrovers diskutiert, eine journalistisch gut aufgearbeitete Berichterstattung über Suizide kann zur Verhinderung weiterer beitragen. Quelle: https://lexikon.stangl.eu/10101/werther-effekt

5vgl. Kübra Gümuşays Schilderungen zur Etablierung des Begriffs „sexuelle Belästigung” in:
Unlearn Patriarchy, Ullstein Verlag, 2022: S. 20.