Zum 8. März, dem Internationaler Frauentag, wollen wir über die strukturellen Ungleichheiten, die Frauen in Deutschland tagtäglich treffen, sprechen. Besonders deutlich wird das bei alleinerziehenden Müttern: Rund 1,7 Millionen Menschen erziehen hierzulande ihre Kinder allein, und über 40 Prozent von ihnen gelten als armutsgefährdet. Auch Vollzeitbeschäftigung schützt nicht immer: Viele Alleinerziehende kämpfen mit hohen Lebenshaltungskosten, fehlender Kinderbetreuung und niedrigen Einkommen.
Wir haben mit Josefine Cox, Geschäftsführerin und Initiatorin von Fondament, gesprochen – einer Initiative, die soziale Projekte, Netzwerke und Ressourcen verbindet und sich für von Armut betroffene Menschen einsetzt. Im Interview geht es um stereotype Bilder von Armut, strukturelle Versäumnisse im System und die Frage, was gesellschaftlich und politisch dringend passieren muss, damit insbesondere alleinerziehende Mütter echte Perspektiven bekommen.
BÄM!: Welche Stereotypen oder gesellschaftlichen Annahmen über Armut in Deutschland würdest Du am liebsten sofort entkräften?
Josefine Cox: Armut wird in Deutschland noch immer häufig als individuelles Versagen gelesen – als Folge falscher Entscheidungen oder mangelnder Disziplin. Dieses Denken ist bequem, weil es Verantwortung verschiebt und soziale Ungleichheit moralisch bewertet, statt sie politisch zu hinterfragen.
Ich bin bei einer alleinerziehenden Mutter mit fünf Kindern groß geworden. Wir sind nicht hungrig ins Bett gegangen. Aber ich habe verstanden, was es bedeutet, wenn Spielräume enger sind als bei anderen – obwohl jemand unermüdlich arbeitet und Verantwortung trägt. Armut hatte bei uns nichts mit fehlendem Einsatz oder mangelnder Liebe zu tun, sondern mit begrenzten Ressourcen und strukturellen Nachteilen.
Armut ist kein Charakterzug. Sie entsteht dort, wo soziale Sicherungssysteme Lücken haben und wo gesellschaftliche Rahmenbedingungen verhindern, dass Arbeit, Fürsorge und Teilhabe zusammen möglich sind. Solange wir das als individuelles Problem deuten, statt als politische und gesellschaftliche Aufgabe, wird sich wenig ändern.
BÄM!: Fondament verbindet soziale Initiativen, Netzwerke und Menschen mit Ressourcen. Kannst Du uns mehr über diese Initiative berichten?
JF: Fondament ist während der Pandemie 2021 entstanden – gegründet von einer kleinen Gruppe Engagierter aus Kunst, Kultur, Design, Kommunikation und Wirtschaft. Damals kam das kulturelle Leben abrupt zum Stillstand und viele Solo-Selbstständige sowie Künstler*innen verloren ihre Existenzgrundlage. Uns bewegte – und bewegt uns bis heute – die Frage, wie sich dieses kreative Grundrauschen erhalten lässt – denn kulturelle Orte sind Räume demokratischer Verständigung und gesellschaftlicher Teilhabe. Sie sind Resonanzräume für das, was eine Gesellschaft bewegt, und Orte, an denen Neues gedacht werden kann. Wenn sie verschwinden, verliert eine Gesellschaft einen wichtigen Raum des gemeinsamen Nachdenkens und Zusammenkommens.
Aus dieser Erfahrung weitete sich unser Blick. Die Pandemie machte nicht nur die Verletzlichkeit des Kulturbetriebs sichtbar, sondern auch grundlegende soziale Ungleichheiten. Seither richtet sich unser Fokus auf Armut in Deutschland – nicht als Randthema, sondern als Strukturfrage.
Wir schaffen physische und digitale Formate, in denen Armut öffentlich verhandelt werden kann. Räume, in denen Perspektiven zusammenkommen, Zusammenhänge erklärt und Lösungsansätze diskutiert werden. Mir persönlich – und uns als Initiative – geht es darum, Erzählungen zu hinterfragen und gemeinsam tragfähige Antworten zu entwickeln – jenseits kurzfristiger Empörung.
BÄM!: Deutschland hat eine der höchsten Armutsraten bei Alleinerziehenden in Europa. Welche strukturellen Gründe siehst Du dafür, und wo zeigen sich die größten Versäumnisse im System?
JF: Alleinerziehende tragen ein doppeltes Risiko: Sie müssen Erwerbs- und Fürsorgearbeit allein bewältigen – in einem System, das noch immer implizit von zwei Erwachsenen ausgeht. Aus meiner Arbeit mit Fondament sehe ich immer wieder ähnliche strukturelle Ursachen: ein Steuersystem, das Ehe stärker begünstigt als Fürsorgearbeit, unzureichende oder vielmehr unflexible Kinderbetreuung, prekäre Teilzeitmodelle, komplexe Antragsverfahren und unzureichend durchgesetzte Unterhaltsansprüche. Diese Faktoren verstärken sich gegenseitig und erzeugen ein Ungleichgewicht, das individuelle Anstrengung kaum ausgleichen kann. Ich glaube, das zentrale Versäumnis liegt darin, dass Alleinerziehende noch immer wie eine Ausnahme behandelt werden – obwohl sie längst gesellschaftliche Realität sind.
BÄM!: Was bedeutet Armut für die täglichen Lebenswelten der betroffenen Mütter und Väter und ihrer Kinder?
JC: Armut ist konkret. Sie zeigt sich im Verzicht auf den Schulausflug, in der Sorge um unerwartete Ausgaben, in der Entscheidung zwischen Winterjacke und Klassenfahrt. Für alleinerziehende Mütter und Väter bedeutet Armut eine permanente mentale Last: rechnen, organisieren, ausgleichen – ohne zweite erwachsene Person, die Verantwortung teilt. Zeit wird zum knappsten Gut, Kraft zur stillen Währung des Alltags.
Für Kinder äußert sich Armut oft leise. Man versteckt Löcher in den Socken. Man sagt im Café, man habe keinen Durst. Man hat am Wochenende „keine Zeit“, weil man arbeitet, während andere unterwegs sind. Es sind keine dramatischen Szenen – eher kleine Verschiebungen. Doch sie prägen das Selbstbild.
Armut ist nicht nur ein Mangel an Geld. Sie ist ein Mangel an Sicherheit – im Auftreten, im Sprechen, im Gefühl, selbstverständlich dazuzugehören. Und manchmal ist es ein einzelner Mensch, der diesem Mangel etwas entgegensetzt: jemand, der Vertrauen schenkt, bevor man es selbst hat. Solche Momente wirken oft weiter als jede finanzielle Hilfe.
BÄM!: Welche Narrative über Armut sollten neu geschrieben werden?
JC: Wir sollten aufhören, Erfolg ausschließlich als individuellen Verdienst zu erzählen – und Armut als individuelles Scheitern. Beide sind immer auch Ergebnisse von Bedingungen. Für mich wäre ein neues Narrativ eines, das fragt: Welche Spielräume eröffnen wir? Welche Hürden bauen wir auf? Und warum messen wir Menschen so häufig an ihren ökonomischen Möglichkeiten?
Jede*r kann dazu beitragen, indem Sprache reflektiert wird, indem zugehört wird, ohne vorschnell zu urteilen, und indem politische Entscheidungen als gestaltbar begriffen werden. Sichtbarkeit ist kein Akt der Bloßstellung, sondern der Anerkennung.
BÄM!: Was sollte jeder über Armutsprävention wissen, bevor sie/er darüber urteilt?
JC: Ich bin keine Steuerexpertin und keine Politikerin. Aber darum geht es auch nicht. Politik beginnt dort, wo Bürger*innen Missstände benennen und darauf bestehen, dass sie öffentlich verhandelt werden. Und eine reiche Gesellschaft – wie die unsere – sollte begreifen, dass sie persönlich und gemeinsam eine Verantwortung für die Veränderung dieser Situation trägt, und dass sie diese nicht nur auf die Politik abwälzen kann.
Natürlich müssen Expert*innen Modelle entwickeln, prüfen und Lösungen vorlegen. Dafür sind sie da. Doch die Frage, ob etwas ungerecht ist, ist keine technische. Sie ist politisch.
Eine Demokratie lebt davon, Probleme nicht zu privatisieren, sondern sichtbar zu machen. Untätigkeit entsteht selten aus Unwissenheit. Sie entsteht aus Trägheit und Gewöhnung. Und Gewöhnung ist kein politisches Argument.
BÄM!: Gibt es ein Erlebnis mit Fondament, das in Ihnen das Gefühl „Genau deshalb machen wir das!“ ausgelöst hat?
JC: Es war weniger ein einzelnes Erlebnis als eine politische Irritation. Vor der Bundestagswahl 2021 habe ich die Wahlprogramme gelesen – und war überrascht, dass die Bekämpfung von Armut in Deutschland nirgendwo als eigenständiges Thema vorkam. Wenn von Armut die Rede war, dann meist im internationalen Kontext.
Für mich ist Armut jedoch keine Randfrage, sondern eine zentrale Frage demokratischer Teilhabe. Wer sich mit den realen Lebensbedingungen von Menschen beschäftigt, erkennt schnell, wie sehr strukturelle Rahmenbedingungen Möglichkeiten eröffnen – oder begrenzen.
Aus dieser Irritation heraus habe ich begonnen, mich intensiver mit Gerechtigkeit, Sozialpolitik und ökonomischen Zusammenhängen auseinanderzusetzen. Je tiefer man einsteigt, desto deutlicher wird, wie komplex – und zugleich gestaltbar – diese Strukturen sind.
Genau aus dieser Verbindung von analytischer Neugier, persönlicher Betroffenheit und dem Wunsch, Armut öffentlich sichtbar zu machen sowie der Findung von Lösungsansätzen, ist für mich der Kern unserer Arbeit. Besonders wichtig ist mir die kulturelle Übersetzung sozialer Fragen – durch Gestaltung, künstlerische Formate und öffentliche Diskursräume.
BÄM!: Wenn Sie sich ein politisches oder gesellschaftliches „Update“ für Deutschland wünschen könnten – speziell für Alleinerziehende – wie sähe es aus?
JC: Ich persönlich würde mir ein System wünschen, das Fürsorge endlich als das anerkennt, was sie ist: eine gesellschaftliche Leistung – materiell wie symbolisch. Wer Kinder großzieht, trägt Verantwortung für die Zukunft dieser Gesellschaft. Das darf kein individuelles Risiko bleiben.
Ein solches „Update“ würde ganz konkret bedeuten: verlässliche und flexible Kinderbetreuung, die nicht vom Wohnort abhängt. Ein Steuer- und Transfersystem, das Kinder stärkt statt Ehemodelle zu privilegieren. Konsequente Unterhaltsdurchsetzung, existenzsichernde Löhne und Sozialleistungen, die unterstützen, ohne zu entwürdigen.
Aber neben strukturellen Reformen braucht es auch eine kulturelle Veränderung. Solange wir sagen „Man müsste etwas tun“, ohne uns selbst mitzudenken, verschieben wir Verantwortung. Demokratie besteht nicht aus Zuschauern. Sie lebt davon, dass wir Missstände nicht als gegeben hinnehmen, sondern als gestaltbar begreifen.
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