Eine menschenleere Straße in der Nähe meiner Wohnung. Fast vertrautes Gelände. Ein weißer Van, ohne das zumindest ein wenig Vertrauen einflößende Logo eines Lieferdienstes oder Paketunternehmens, parkt im Halteverbot. Die Seitentür ist aufgeschoben, die Haustür gegenüber steht offen. Niemand zu sehen.
Ich denke, dass Männer in dieser Situation vermutlich nichts denken.
Ich denke, dass ich es besser weiß, dass ich die Statistiken kenne: Das Risiko vom eigenen Partner Gewalt zu erleben, ist größer als willkürliche Gewalt auf der Straße.
Ich denke trotzdem, während ich all das denke: Hoffentlich geht’s gut.
Um Beziehungen führen, oder einfach nur Teil der Gesellschaft sein zu können, müssen Frauen* darauf vertrauen, dass sie es mit den Guten zu tun haben. Dieses Vertrauen wird im Wochentakt von „Einzelfällen” auf die Probe gestellt. Die Publizistin Samira El Ouassil listet in einem Artikel (s.u.) Angriffe auf Frauen aus naher Vergangenheit auf, eine Erzählung gruseliger als die nächste, und doch insgesamt nur ein Auszug. Diese Fälle vermischen sich mit einer Kultur, die Frauen am liebsten als (schönes) Opfer in Film und Serie sehen möchte – oder gar nicht. Diese Fälle vermischen sich nicht zuletzt mit der täglichen Erfahrung, dass Wortmeldungen von Frauen ignoriert oder nicht ernst genommen werden – beim Arzt, im Beruf, in der eigenen Partnerschaft.
Um beziehungsfähig zu bleiben, müssen wir ausblenden, was wir wissen, oder lieber gar nicht erst wissen wollen. Wie soll der Alltag sonst gelingen? Stattdessen Angst vor weißen Vans, einsamen Straßen … Angst davor, den einen Mann unter #notallmen** nicht zu erkennen.
Jede neue Geschichte über Grenzverletzungen bringt die erwartbaren Einwände.
„Aber, was ist, wenn er es nicht war?“ Dann werden wir vollkommen umsonst über eine Tat diskutiert haben, die stattgefunden hat.
Transparenz an sich ist noch kein Erfolgt. Als ganz gewöhnliche sexuelle Belästigungen, die Mädchen und Frauen alltäglich von absolut durchschnittlichen Männern ertragen müssen, noch kein Thema in der Öffentlichkeit waren, konnten Mädchen und Frauen immerhin hoffen, es würde sich alles ändern, wenn alle es wissen und sich gegenseitig in Verantwortung nehmen. Was können Mädchen heute hoffen, die in einer Welt aufwachsen, in der es alle wissen können – und sich trotzdem nichts ändert?
Ich lese großartige Artikel, aus der die Erschöpfung spricht, die ich fühle.
Ich schicke es Freundinnen, die meisten melden sich wütend zurück.
Ich schicke es Freunden – die meisten reagieren nicht.
Sie haben keine Zeit, sind verunsichert und wissen nicht, was sie tun oder antworten sollen, sie möchten sich endlich ins Thema einlesen … oder: Es interessiert sie nicht. Sie können es sich leisten, sich nicht damit zu beschäftigen, nicht zu reagieren, können sich aussuchen, wie sehr sie etwas betroffen macht – oder eben nicht. Wenn sie keine Töchter haben, deren Belästigung irgendwann ihre eigene Ehre verletzen könnte, kann es sie noch weniger interessieren.
Dann können sie immer wieder sagen, sie hätten nichts gewusst.
Transparenz an sich ist kein Erfolg.
Der Text ist eine gekürzte Version von Kristina Kleckos Blogbeitrag Ich schreibe: Trotzdem!, lest hier weiter.
