Illustration Annika Albrecht

Fotzenrap: Ficken, Feiern, Politik? 

Leonie Hosoda

Seit einigen Jahren dominiert deutschsprachiger Rap die Charts und Streams. Dass im Gangsta-Rap traditionell oft ein übersteigertes maskulines Selbstbild mit extrem sexistischer Abwertung von Frauen einhergeht, ist bekannt. Viele erfolgreiche Chart-Rapper haben in den vergangenen Jahren ermüdend über hypermaskuline Gangsterkultur, dealen und flexen in allen Aspekten gerappt und dabei repetitive Songwelten geschaffen. Heute boomen Rapperinnen, die bis vor einigen Jahren eine Nische besetzt haben und damit weit weg vom Mainstream waren. Erst langsam wurden mehr und mehr weibliche Acts sichtbar, und seit 2024/2025 hat der Trend einen Peak erreicht. Deutschsprachige Rapperinnen sind zahlreicher, vielfältiger, queerer, expliziter und vor allem kämpferisch selbstbewusst. Dabei gehen sie auf Angriff, in allen Formen.*

Kampfbereit und sexpositiv: Liebe meinen Körper 

Selbstermächtigung durch Inszenierung ist die Maxime im Fotzenrap. Neben provokanten Lyrics über die (sexuelle) Objektifizierung von Männern genießen die Musikerinnen ihren eigenen Körper. Mit Songs wie Tittentraining, Ich will bumsen (6euroneunzig), Cumshot, Naschen (Shoki), T-Shirt Hoch, Titten Raus, FSK (Ficken Saufen Kotzen) (Vicky) und dem Album Fotze (Ikkimel) wird das beschneidende Körperbild, das Frauenkörper diszipliniert und abwertet, durch die eigenen Lyrics aggressiv umgedeutet. Lyrisch wird somit „my body, my choice“ deklariert: Über den eigenen Körper darf jede sagen, was sie will, und das wird bis zur Schmerzgrenze ausgereizt. Egal, ob feminine Girls, ob Fetisch-Porno-Ästhetik, ob gewaltbereite Atzen-Rapperinnen, die gerne zuschlagen, oder Ballermann-Partygirls: Die Vielfalt ist beeindruckend. Der EDM- und Technorap-Trend ist die Vorlage für Partysongs, die im Vordergrund ballern, während feministische Parolen beim Raven in die Songs untergeschmuggelt werden.

 

Tittentraining – 6euroneunzig & Robbensohn

Was für Bauch, Beine, Po? Ich trainiere meine Titten.

Steck dir deinen Kommi sonst wohin und geh’ dich selber ficken.

Ich fress’ Döner, Burger, Fritten und rasier’ mir nicht die Lippen.

Du bist, was in mei’m Tanga steckt, ein Arsch ohne Gewissen.

Ich seh’ aus wie ein Adonis und wer nennt mich hier Püppchen?

Bück’ dich, du führst die Übung falsch aus

Meine Zehen müssen alle fünf auf einmal in dein Maul

Bück’ dich, ich bin alles, was du brauchst.

Scharfe Zunge, straffe Titten und ’ne 1A rechte Faust

 

Viele der Texte gehen Männer in direkter Sprache an. Darin degradieren emaskulierende Frauen Männer zu devoten Toys. Dabei sind sie so direkt, dass die Lust am Schockieren und die Furchtlosigkeit gegenüber hemmungslosen Obszönitäten ansteckend sind. Dirty Talk, hetero- und queerer Sex, Periode, raven, saufen, Drogen, Hedonismus, Politik, Wut auf Patriarchat und Klassismus. Die Verfügung über Männer und ihre Objektifizierung kann als gezielte Umkehr von frauenfeindlichen Texten verstanden werden. Daraus folgt die Diskussion, ob die Selbstbezeichnung als „Fotze“ und eine hypersexualisierte Performance eher Selbstermächtigung oder eine Reproduktion des male gaze sind. Die Soziologin und Rap-Forscherin Heidi Süß bezeichnet diesen Move als „Kontrolle zurückholen – wenn eine Person als Subjekt agiert und den Begriff Fotze selbst wählt und aktiv für sich reklamiert“. Genau das tun Rapperinnen wie Ikkimel, um „den Begriffen die Verletzungsmacht zu nehmen“, sagt Süß.** Diese oft wiederholte Diskussion übersieht, dass die Aufmerksamkeit, die durch die Provokation entsteht, uns eine umfassendere Geschichte erzählen kann. 

 

Ein, zwei Schläge Mariybu

Ich geb’ dir ein, zwei Schläge.

Und dann bist du wieder brav.

Nein, ich kenne kein Vergeben.

Und ich weiß, was du magst.

In mein’n Händen liegt dein Leben.

Das bringt dich um den Verstand.

 

Wessen Geschichten werden gehört?

In Zeiten eines konservativen Backlashs in Politik und polarisierenden öffentlichen Debatten erklingen die Stimmen, die sich für liberalere gesellschaftliche Entwicklungen einsetzen, leiser. Dabei haben Musik und insbesondere Rap immer eine politische Stimmung widergespiegelt. Rap kann es schaffen, den Zeitgeist zu kondensieren und Botschaften im Alltag schnell zu verbreiten. Rap hat geringe Einstiegshürden und ist keine elitäre Musik. Rap gibt Worten ein Vielfaches an Stärke, egal wie simpel oder elaboriert sie sind. Schon immer war soziale Ungerechtigkeit ein Nährboden für Rap. Diese Musik gab den Stimmlosen eine Möglichkeit, ihre Geschichten zu erzählen, die in der Kulturlandschaft auf klassischem Wege kein Gehör fanden. Durch Provozieren, Protzen und Überzeichnen verschafften sich Rapper*innen einen Platz in der Aufmerksamkeitsökonomie. „Ich mache Kunst, in der es um das Aufzeigen von gesellschaftlichen Problemen geht“, sagte Ikkimel dem Musikmagazin Diffus.

 

Schmeck mein Blut – Ebow

Mein Blut in den Wässern von Kurdistan

Mein Blut aus der Vagina am 8. Tag

Mein Blut im Mund, als ich die Sprache vergaß

Mein Blut auf den Takt mit 16 Bars

Schmeck mein Blut, Junge

Schmeck mein Blut

(…)

Jeden Tropfen meiner Wut

Ertrink in meiner Flut

 

Zusammenhalt und Schwesternschaft: migrantische und andere Lebensrealitäten 

Ungeschönte weibliche Perspektiven sind nicht die Norm. Wenn Frauen laut und ohne Rücksicht auf andere über ihr Leben, ihre Ängste und Gefühle rappen, erleben wir ein authentisches weibliches Lebensgefühl. Auch wenn sich Hörer*innen nicht zwingend in den exzessiven Texten, sondern in der Emotionalität wiederfinden. So entsteht eine Stimme, die ohne Scham über die emotionale Lebensrealität von Frauen spricht. Körper, Sex, Macht und Entmachtung, Kampf um Anerkennung – das sind klassische Themen im Rap, aus weiblicher Perspektive erzählt. Feministische Theorie in der Praxis – wer diese Songs hört, muss nichts darüber lesen, um sich einzufühlen. Durch die Storys und Gefühle entsteht eine gemeinsame Welt. Es ist die Selbstermächtigung einer Gemeinschaft von Schwestern, die für dich und mich erzählen. 

In gut drei Minuten zeigen diese Songs ehrlich das Lebensgefühl von Millionen Frauen: Menschen mit unterschiedlichen, migrantischen, queeren Lebensgeschichten teilen und erzählen ihre Realitäten. Sie haben eine verbindende Kraft, politisieren und können Verständnis schaffen. Kein*e Politiker*n sollte es sich leisten, diese zu überhören. Und durch Zuhören erfahren wir neue Sichtweisen und finden Zusammenhalt in den Geschichten. Wenn das dazu beiträgt, mehr Verständnis und eine gemeinsame Sprache zu schaffen, dann ist das ein Erfolg für uns alle. 

 

Böser Junge – Ikkimel

Schnauze halten, Leine an, Schatz, jetzt sind die Weiber dran

Hör auf’s Frauchen, bau ma’ ein’n, meine Nägel sind zu lang

Ab in’ Zwinger, noch ’ne Runde (Ru-Ru-Ru-Runde) (Ah)

Weil du warst ein böser Junge (Ju-Ju-Ju-Junge)

(…)

Hab’s verdient, verwöhnt zu werden, brauche kein’n Grund

Ein Mann bleibt ein Mann und ein Hund bleibt ein Hund

 

* Die Wegbereiterinnen sollen nicht unerwähnt bleiben: von Tic Tac Toe über Lady Bitch Ray bis zu SXTN. 

 

** https://www.sueddeutsche.de/kultur/musik-wie-ikkimel-rap-und-rollenbilder-aufmischt-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-260515-930-82261

 

Leonie Hosoda ist Teil von equally at home everywhere und arbeitet als Designerin an den Schnittstellen von Alltagsleben, Software und Sprache. Dabei beobachtet sie die Verbindung von Ästhetik und Politik. Rap ist für sie eine dieser Schnittstellen. 2025 war sie ein Teil der HerausgeberInnen des Zukunftskalenders.