Bei der ersten Hochzeit meiner Mutter konnte ich aus existenziellen Gründen nicht dabei sein. Ich kenne ein Foto des Brautpaares, dessen Flitterwochen keine Flitterwochen, sondern das Warten auf Papiere durch das Deutsche Konsulat Ankara in der Türkei waren, und deren Wartezeit möglicherweise, gut dreißig Jahre später, dazu führen sollte, dass ihr, liebe Lesenden, mich lest. Auf dem Foto sieht Daya aus wie ein puffiges Sahnehäubchen. Ihr dunkles Haar ist unter einem Schleier, in die Stirn fallen ihr sehr kompakt aussehende Ponysträhnchen. Über die Rundbürste geföhnt und mit üppigen Mengen Haarspray verklebt. Ihre Haare, der Stoff des Brautschleiers, die Miene des Bräutigams, ihr Blick. Alles in diesem Foto versteift um die Wette.
Diesen Februar werde ich Dayas zweiter Hochzeit beiwohnen. Ich bin diesmal eingeladen und anständigerweise ausgeboren. Das Ticket habe ich bereits im November gebucht. Flüge in die Region sind nicht gerade billig. Ich buchte mit ihr zusammen, Hin-und Rückflug.
Ihr Ticket ist ein One-Way-Ticket.
Ich bin aufrichtig glücklich für sie. Ihre Abwesenheit in meiner Jugend ist eine Wunde, aber kein Wunder. Diese Frau, der es allzu leicht wäre Vorwürfe zu machen, gegenüber der ich mich abgrenzen sollte, mit der der Kontakt mal schwierig, mal unmöglich war – sie hat ihr Bestes gegeben und darüber hinaus mehr noch für dieses Land, in das ich wieder zurückfliegen werde. Diesmal wirklich ohne sie.
Als ich 14 war, haben meine Eltern, damals noch nicht geschieden, bereits einmal versucht, was manche „Rückkehr“ nennen. Ich würde behaupten, dass jene, die an so etwas wie Rückkehr glauben, Diaspora eher als Konzept, als etwas, das anderen passiert, kennen. Leider war ich sehr fuchsig und nach nicht einmal einem Jahr allein mit Baba in Deutschland in einem gesundheitlichen Zustand, der jedwede größere Reiseanstrengung ausschloss. Zwischen der Fuchsigkeit meines Teenager-Selbst und der Übernahme des Unterbewussten, des Verstands der Eingeweide und Verlusts jeglicher Körpergrenzen, standen viele Versuche als Minderjährige meine Belange gegenüber Erwachsenen, deren Aufgabe es gewesen wäre, mich als Schutzbefohlene zu unterstützen. Aber das ist eine Geschichte für ein anderes Mal.
Daya hat dreißig Jahre in diesem Land malocht. Immer wieder versuchte ich, ihr Krankheitstage schmackhaft zu machen. Rücken-Operationen, klinische Depressionen, selbst ein Überfall als wir noch einen Kiosk hatten – nichts hat diese Frau aufgehalten, ihren Platz in diesem Land als notwendige (… systemrelevante) Kraft zu verteidigen. Glücklich macht das nicht, aber es geht hier nicht um Glück. Es geht um Platz haben. Gesehen werden. Lebensunterhalt und wenn dann noch etwas Luft nach oben erlaubt ist, Würde.
Ich bin so froh, dass sie demnächst nicht mehr die Brötchen der CDUler*innen in der Stadt, in der ich aufwuchs, schmieren muss. Das hat sie wirklich gemacht, Bäckereiverkäuferin und ein Chef, der in der CDU ist. Der ihr Blumen an ihrem Geburtstag brachte, weil sie mehrere seiner Filialen schmeißt, Personal einarbeitet, Überstunden ohne Beschwerden macht und ihm die Kassen voller macht als andere Angestellte.
Ich bin so froh, dass ich sie demnächst öfter sehen werde. In Deutschland sehen wir uns fast nie. Ich bin freiberuflich, sie arbeitet in Schichten. Ich habe eine Einschlafstörung sondergleichen, sie hat fünf Stunden-Nächte, weil Bäckereien früh aufmachen, und sie ihr Haar, heute stolz dunkelblond und noch immer geföhnt, aber lockerer, morgens um 3 Uhr wäscht, styled und gegen 4 Uhr das Haus verlässt. In Kurdistan …
In Kurdistan kann ich sie zumindest besuchen in dem Wissen, dass es keine weitere Belastung ist. Für uns beide. Wir leben etwa zwanzig Kilometer voneinander entfernt, aber finden keine Zeit IN THIS ECONOMY.
In Kurdistan kann ich sie zumindest besuchen, das hoffe ich, das wünsche ich mir. Das kostet ziemlich viel und ist immer im Vorjahr zu planen und manchmal, so wie jetzt, hängt es an einigen irren, machtgierigen Männern, dass der Flug auch wirklich fliegt und Eurowings, owned by Lufthansa, nicht wie im letzten Monat seine Verbindungen in den iranischen und irakischen Luftraum pausiert.
Unser Flug geht am 03.02.2026. Nach jetzigem Stand sollte er fliegen. Wir würden in Hawler (auch Erbil genannt) landen. Meine Logistik, mein Leben, meine Träume und Gewaltfantasien kreisen seit Wochen um eine Handvoll irrer, machtgieriger Männer. Mein Januar war bis hierhin eine krude Mischung aus Winterschlaf halten wollen, weinen, fressen, Winterschlaf halten wollen, weinen, fressen, Nachrichten lesen, Nachrichten ausblenden wollen, Nachrichten wieder lesen, Nachrichten wieder ausblenden wollen.
Dies ist ein Brief an den Luftraum zwischen dir und mir. Frag deine Freund*innen, Nachbar*innen, Bekannten, wie es ihnen geht. Frag mich nicht, wie es weitergeht. Ich weiß nur, dass ich an Neujahr gegen die Neuanfänge getrunken habe und auf das Weitermachen.
Ich wünsche meiner Mutter ein wundervolles Weitermachen. Ich wünsche den Demonstrierenden in Rohjelat, Belutschistan, Bakur und Iran ein sichereres Weitermachen. Ich wünsche den Vertriebenen und Verletzten Rojavas Frieden und Gerechtigkeit. Ich wünsche den Diktatoren, den Kriegsverbrechern, den Chameinis und Bibis und al-Scharaas und Trumps die Pest, die Krätze, ein jähes Ende. Ich spucke auf die europäische Außenpolitik, auf von der Leyens Geldpäckchen und Deutschlands Waffenexporte. Ich spucke zwischen den Geografien, Sprachen, Wunden. Ich wünsche meiner Mutter ein wundervolles Weitermachen und dann irgendwann: Ruhe. Nicht mehr und nicht weniger.
