To Listen to im September

Hier geben jeden Monat Personen aus der Community persönliche Empfehlungen, was Ihr Euch anhören könntet.

Hanieh Bozorgnia

Es ist komisch, über die Musik der eigenen besten Freundin zu schreiben. Ich kenne Trace seit vielen Jahren, kenne ihre Wut und ihre Zärtlichkeit, kenne das Dazwischen, die Widersprüche, die sich nicht auflösen lassen. Ich habe gesehen, wie sich ihre Musik verändert hat, wie sie Dinge losgelassen und wieder neu zusammengesetzt hat. Natürlich kann ich sie nicht neutral hören. Will ich auch gar nicht.
TRACE POLLY macht Musik aus einer queeren, trans Perspektive, ohne diese für irgendwen zu übersetzen. Das ist wichtig. Gerade in einer Zeit, in der trans Körper wieder und wieder verhandelt, erklärt, politisiert werden, kreiert sie etwas, das sich diesen Blicken entzieht. Wut muss nicht begründet werden. Begehren nicht verständlich gemacht. Verletzlichkeit ist keine Schwäche. Und dann ist da ihre Stimme. Eine dieser Stimmen, bei denen ich bis heute manchmal nicht verstehe, wie all das aus einem Körper kommen kann. Sie kann sich ganz dünn machen, beinahe verschwinden, und im nächsten Moment den ganzen Raum einnehmen. Nicht einfach größer werden, sondern dichter. Dringlicher. Manchmal rau, manchmal fast durchsichtig, manchmal so nah, dass man unwillkürlich stiller wird.
Gerade sucht TRACE noch weiter außerhalb dessen, was wir gewohnt sind, als Musik zu hören. Instrumente werden anders gespielt, Gegenstände wie Nähmaschinen, Sextoys oder einzelne Saiten bekommen neue Funktionen. Nicht der Gegenstand ist interessant, sondern das Geräusch, das plötzlich aus seinem alten Zusammenhang fällt. Ihre Musik ist zerbrechlich und leistet gleichzeitig Widerstand. Ich bewundere sie sehr dafür, dass sie sich diese Weichheit nicht nehmen lässt, auch wenn so vieles um sie herum genau das versucht. Dass sie Wut nicht glättet, Verletzlichkeit nicht versteckt und beides nebeneinander stehen lässt, ohne daraus eine Antwort machen zu müssen.

Wenn ihr TRACE POLLY noch nicht kennt, hört rein. Und wenn ihr die Chance habt, sie live zu sehen, dann geht. Auf der Bühne bekommt ihre Musik noch einmal eine andere
Dringlichkeit.